In Europa haben Super-Apps kaum realistische Chancen
Ob in China, in Brasilien oder Indien: Längst sind hier Super-Apps etabliert, die User durch den digitalen Alltag begleiten. Es ist fraglich, warum diese allumfassenden Dienste bislang noch nicht in Europa angekommen sind.
Ob WeChat und Alipay in China, Grab in Südostasien, die brasilianische WhatsApp-Alternative oder Tata in Indien – sogenannte Super-Apps vereinen Messaging, Bezahldienste, Shopping und Mobilität in einer einzigen Anwendung und bieten damit ein digitales Rundum-Paket. Eine App, und der Alltag läuft wie am Schnürchen. Auch X-Eigner Elon Musk möchte den Twitter-Nachfolger zu einer Super-App weiterentwickeln, die weit über ihre derzeitige Social-Media-Funktion hinausgeht. Inspiriert ist das Konzept von WeChat aus China, einer App, mit der man nicht nur Nachrichten schreiben, sondern auch zahlen, einkaufen, Fahrdienste buchen oder Behördengänge erledigen kann. Mit dem Ausbau von X scheint Elon Musk gut voranzukommen, beispielsweise in puncto Zahlungsdienst via X.
Verlockende Vielfalt der Super-Apps
Aus Usersicht ist es natürlich extrem verlockend, mit nur einer App die elementaren Prozesse des digitalen Zeitalters bewältigen zu können. Es ist natürlich viel bequemer und schneller, wenn Fahrkartenkauf, Geschenkbesorgung und Arztterminvereinbarung vonstattengehen, ohne ständig zwischen Einzelapps zu switchen. Super-Apps zahlen genau auf dieses Verschlankungsbedürfnis genervter App-Nutzer ein und bieten praktische Alltags-Optionen auf nur einer Plattform. Aber da ist natürlich auch noch der Datenschutz zu beachten. Denn würde eine Super-App von Cyberkriminellen gehackt, hätte das fatale Konsequenzen.
Was auf der einen Seite deutlich höheren Komfort und mehr Geschwindigkeit bedeutet, führt auf der anderen Seite des Screens zu ungeheurer Daten-Macht. Je mehr Aktionen wir über nur eine App durchführen, umso mehr geraten wir in digitale Abhängigkeit des jeweiligen Anbieters. Man denke beispielsweise an die Marktmacht von Meta, die Userdaten aus WhatsApp und Facebook sammeln, um ihre Werbebotschaften exakt zu platzieren. Bei einer Super-App passiert natürlich genau das in extremer Weise. Wer Bankdaten, Reisegewohnheiten, Shoppingvorlieben, Arztbesuche oder auch den Medienkonsum seiner User screent und auswertet, kommt in kürzester Zeit zu einem echten Herrschaftswissen – mit allen denkbaren und verachtenswerten Konsequenzen. User sind einer Super-App in gewisser Weise komplett ausgeliefert.
Die USA und Europa zeigen sich bislang standhaft
Super-App-ready sind weder die USA noch die EU. Zwar bieten Anbieter wie Meta oder Klarna bereits Super-App-Ansätze, beispielsweise Shopping-Funktionen in Instagram oder Bezahlmöglichkeiten in WhatsApp –, eine Gesamtlösung wie die chinesische WeChat ist wohl noch Zukunftsmusik. Der westliche Markt ist fragmentierter, Regulierungen, wie die DSGVO und der Digital Markets Act, erweisen sich als juristische Hürden, die selbst für Tech-Giganten kaum zu ignorieren sind. Hinzu kommt die Digital-Skepsis-Kultur, die in Europa deutlich stärker ausgeprägt ist als auf den Super-App-Kontinenten. Die User Europas sind sensibilisiert für ihre Rechte in der digitalen Welt und werden von klassischen Medien immer wieder mit den Gefahren konfrontiert, die eine umfassende Digitalisierung des Privatlebens mit sich bringt. Dass inzwischen immer mehr Apps mit KI-Features kombiniert werden, macht vor allem europäische User noch unsicher.
Der Blick auf den Fortgang Elon Musks Ambitionen wird sich in nächster Zeit lohnen. Hat Musk mit einer „X-Super-App“ Erfolg, wird das sicher zum Game-Changer.
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